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Dr. Michael Frase

Michael Frase geht in Ruhestand

Abschied vom langjährigen Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach

Anfang Mai verabschiedet sich Michael Frase nach 25 Jahren als Leiter des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach in den Ruhestand. Von seinem Büro im 5. Obergeschoss des Diakonischen Werkes fällt der Blick auf die Skyline, die Altstadt und den Dom. Die markanten Gebäude beschreiben auch ein Stück weit seinen Standort in der Stadtgesellschaft, eng vernetzt in der ökumenischen Zusammenarbeit, ausgespannt zwischen Armut und Reichtum, die in Frankfurt eng beieinanderliegen. „Mit wehenden Rockschößen“ hat er sein Amt Anfang April übergeben, in einer Zeit, in der die Corona-Pandemie noch nicht beendet ist und der Angriffskrieg auf die Ukraine das Leben auch in Frankfurt und Offenbach zeichnet. „Ich hatte in den 25 Jahren als Leiter des Diakonischen Werkes nie das Gefühl, immer dasselbe zu tun, nie gab es eine längere Phase zum Innehalten, es war immer spannend und von Herausforderungen geprägt,“ sagt der 65jährige evangelische Pfarrer.

Diakonie versorgt Geflüchtete aus der Ukraine
In den vergangenen Wochen hielt sich Michael Frase des Öfteren in der Sporthalle in Kalbach auf, in der das Diakonische Werk im Auftrag der Stadt rund 300 Geflüchtete aus der Ukraine versorgt. „Wir haben ein starkes erfahrenes Team dort.“ 2015, als viele vor dem Krieg in Syrien flohen, hatte das Diakonische Werk die Sporthalle schon einmal geleitet und im Anschluss nach und nach Großunterkünfte für Geflüchtete aufgebaut.

Die Würde von wohnungslosen Frauen und Männern
Die Arbeit mit wohnungslosen Männern und Frauen ist ein Herzstück der Diakonie. Dazu zählen nicht nur Geflüchtete, die oft jahrelang in großen Unterkünften auf den Auszug in eine eigene Wohnung warten müssen. Dazu gehören auch die diakonischen Einrichtungen für Obdachlose wie das WESER5 Diakoniezentrum oder das Zentrum für Frauen, die Zug um Zug modernisiert und ausgebaut wurden und mit Modellprojekten überzeugten: „Über Jahre haben wir kontinuierlich die Konzepte der sozialen Arbeit sowie die Rahmenbedingungen verbessert, zum Beispiel das Wohnen von Menschen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, in eigenen Apartments. Dies entspricht der Würde der Bewohnerinnen und Bewohner.“

Enorme Entwicklung in sozialdiakonischen Arbeitsfeldern
Und was motivierte den Gemeindepfarrer aus Offenbach-Bieber, sich 1996 auf die Spitzenposition beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Frankfurt zu bewerben? „Ich sah in den sozialdiakonischen Feldern eine enorme Entwicklung, ich wollte gestalten und fand hier eine Möglichkeit, glaubwürdig Menschen helfen zu können.“ Die Dynamik, sagt Michael Frase, hielt von den Anfängen bis in den April 2022 andauernd an. Eines seiner ersten Projekte: Der Abschied von der evangelischen Hauskrankenpflege mit Gemeindeschwestern, die im Auftrag der Kirchengemeinden Kranke und ältere Menschen versorgten. Den Dienst übernahm – nach der Einführung der Pflegeversicherung 1996 – eine rechtlich eigenständige gemeinnützige Gesellschaft: Die Diakoniestation Frankfurt am Main gGmbH.

Die erste Krabbelstube war vor allem für alleinerziehende Frauen gedacht
Ein weiterer Wendepunkt: Die Abkehr von einer Kinderbetreuung, die erst im Alter von drei Jahren begann, und auf Halbtagsplätze ohne Mittagessen setzte. „Der erste Frankfurter Sozialbericht von 1997 zeigte deutlich, wie groß das Armutsrisiko für alleinerziehende Mütter ist.“ Dies gab den Anstoß, dass das Diakonische Werk 2003 seine erste Krabbelstube eröffnete, damit auch die Mütter von unter Dreijährigen berufstätig sein können. „Das Familienbild hat sich völlig gewandelt, das ist sehr positiv.“

Gründung der Notfallseelsorge für Frankfurt am Main
Immer wieder ging das Diakonische Werk innovative Wege, engagierte sich schon 1999 in einem Pilotgebiet für das Quartiersmanagement in einem Stadtteil mit sozial Benachteiligten. Es baute 1999 die Notfallseelsorge in Frankfurt am Main auf, und 2015 das innovative Projekt der Frühförderung Mobil „Vielfalt stärken – Vielfalt leben.“ Erstmals wurden Voraussetzungen geschaffen, um Kinder unter drei Jahren mit Behinderung in Kindergärten aufzunehmen.

Die Lange Nacht vereint Menschen aus unterschiedlichen Gruppen
Und noch einen neuen Schwerpunkt nennt Michael Frase: „2005, als Reaktion auf die sorgenannte Hartz IV-Gesetzgebung, bauten wir unseren Arbeitsbereich zur Qualifizierung und Beschäftigung Langzeiterwerbsloser auf.“ Auch der Ausbau der ehemaligen Gemeindekirche Weißfrauen zu einer der wenigen Diakoniekirchen Deutschlands mit anspruchsvollen eintrittsfreien Ausstellungen lag ihm sehr am Herzen. Ebenso wie die „Lange Nacht am Heiligen Abend“ in der Weißfrauen Diakoniekirche, die er einst mit vielen Ehrenamtlichen ins Leben rief, damit niemand nach dem Weihnachtsgottesdienst unter der Brücke schlafen muss. „Hier entsteht punktuell und überraschenderweise tatsächlich eine Gemeinschaft zwischen Menschen, die am Rande und in der Mitte der Gesellschaft leben“, sagt Michael Frase, der auch viele Jahre Diakoniepfarrer für Frankfurt und Offenbach war. Und: „Das ist exemplarisch für das, was Jesus von Nazareth vorgelebt hat, in dessen Nachfolge wir unsere Arbeit verstehen.“

Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Frankfurt und Offenbach
Zahllose Sitzungen in vielen Gremien hatte er zu meistern, beispielsweise in der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und in städtischen Krisenstäben, sei es zur Corona-Pandemie oder aktuell zur Aufnahme von Ukrainer:innen, die vor dem Krieg fliehen mussten. „Die Stärke der Stadtgesellschaften in Frankfurt und Offenbach ist die ausgeprägte partnerschaftliche Zusammenarbeit, das gemeinsame Suchen nach Problemlösungen, das offene Gespräch, auch bei unterschiedlichen Ansichten wie der Armutsmigration aus Osteuropa. In städtischen Kontexten etwas zu bewirken, das geht nur gemeinsam.“ In der Diakonie liegen große Chancen, ist der evangelische Pfarrer überzeugt. Denn: „Die Notwendigkeit, an den Bedarfen der Menschen orientiert, immer neue Konzepte und Handlungsansätze zu entwickeln, geht unvermindert weiter.“