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Arbeit finanzieren, nicht Arbeitslosigkeit!

Teilhabechancengesetz schafft neue Jobs für Langzeiterwerbslose

Arbeiten zu gehen, nach vielen Gelegenheitsjobs oder längerer Zeit Daheim: Das ist das Ziel des Paragrafen 16i SGB II „Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Was sperrig klingt, bietet Frauen und Männern, die jahrelang keiner Erwerbsarbeit mehr nachgingen, neue Chancen am sozialen Arbeitsmarkt. Das Teilhabechancengesetz sieht für sie sozialversicherungspflichtige Beschäftigung für maximal fünf Jahre vor, gefördert von der Arbeitsagentur.

Das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach beschäftigt 13 Mitarbeiter*innen nach §16i in verschiedenen Einrichtungen. Aus den Berichten von Mitarbeiter*innen wird deutlich: Fair bezahlte Arbeit ist weit mehr als das nötige Geld zum Leben. Sie bedeutet auch soziale Kontakte, sie bringt wieder mehr Selbstbewusstsein und Zufriedenheit. Wer einst ohne Jobperspektive niedergeschlagen war, blüht wieder auf.

Zunächst kann die Förderung nur noch bis Ende 2024 beantragt werden. Die Diakonie macht sich dafür stark, sie zu entfristen. Ein erster Zwischenbericht zum Teilhabechancengesetz des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt bereits positive Auswirkungen der neuen Förderinstrumente.

Auch drei Erfolgsgeschichten von Mitarbeiter*innen des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach untermauern dies.

 

Ich bin ein ganz anderer Mensch

Wenn Robert Giemsa mit dem Auto unterwegs ist, muss er sich schwer zusammenreißen. Denn es duftet verlockend. Der 45-jährige transportiert Brötchen, Kuchen und Kreppel für den Sozialdienst Offenbach Wohnungsnotfallhilfe des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach. Und er macht noch einiges mehr.

Herr Giemsa, wie kommt das leckere Gebäck in Ihren Kofferraum?
Um 7.30 Uhr fahre ich los zu Bäckereien und Konditoren in die Offenbacher Innenstadt, nach Rumpenheim, Bürgel, Mühlheim und Dietesheim. Seit Jahren erhalten wir von denselben Bäckereien Spenden mit Brötchen und Gebäck vom Vortag. Es ist so viel, dass ich nicht alles auf einmal mitnehmen kann, sondern drei Touren fahre. Von Oktober bis März bekommen wir Kreppel, an manchen Tagen sind es an die 100 Kreppel, alles mit Folien abgedeckt, aber es duftet …



Mein Leben ist anders geworden

Ewa Kiani ist gelernte Schneiderin und arbeitet im Secondhand-Kaufhaus Familien-Markt. Seit August 2020 läuft ihr Vertrag nach Paragraf 16i „Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Kiani bedient die Kasse und dekoriert, sie ist froh über die neue Chance.

Ewa Kiani tippt den Preis für einen Wasserkocher in die Kasse im Familien-Markt, schaut nach, was Porzellanteller und Gläser kosten, reicht einen Schwung Hemden über die Ladentheke. Die Kasse bediente die 59-Jährige nicht von Anfang an. Die gelernte Schneiderin setzte zunächst ihr Händchen für harmonische Kombinationen beim Dekorieren ein, für 1,50 Euro die Stunde in einer vom Jobcenter vermittelten Arbeitsgelegenheit im Familien-Markt. Vor drei Jahren kam sie in das Secondhand-Kaufhaus, das das Diakonische Werk für Frankfurt und Offenbach und der Caritasverband Frankfurt e.V. in Bergen-Enkheim betreiben. Dort fühlte sich die gebürtige Polin, die seit 23 Jahren in Deutschland lebt, gleich wohl: „Der Familien-Markt ist für mich wie eine Familie, eine nette Familie“.



„Es hat mir sehr geholfen, hier zu arbeiten“

Bernd Evers ist ein Frankfurter Bub, auch wenn er die ersten 14 Tage seines Lebens in Hamburg verbracht hat. Der 55 Jahre alte gelernte Maler und Lackierer arbeitet im Einkaufsservice 60+ des Diakonischen Werkes. Sein Arbeitsvertrag endet im September.

Herr Evers, wie sieht Ihr Alltag im Einkaufsservice 60+ aus?
Ich nehme die Anrufe unserer Kund*innen im Büro an der Rechneigrabenstraße an und koordiniere den Einsatz der Kolleg*innen, die die Einkäufe erledigen. Momentan sind es 23 Kolleg*innen, die für Frankfurter*innen über 60 einkaufen oder Begleitung zum Friseur oder zu Ärzten oder Spaziergänge anbieten. Alles kostenlos.



Alle Fotos: Rolf Oeser