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„Es ist eine Zeit, in der man handeln muss“

Einblicke in den Alltag der Einrichtungen für Wohnungslose und Menschen mit wenig Geld der Diakonie.

Das kleine Beratungsbüro von Kristina Wessel und Malgorzata Zambron im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens ist in Zeiten von Corona geschlossen. Die beiden Streetworkerinnen drehen ihre Runden durch die weiten Hallen im Moment zwei Mal in der Woche, um obdachlose Frauen und Männer zu beraten, die am Flughafen leben. „Viele fragen nach dem Virus“, sagt Kristina Wessel.

Zuflucht Flughafen
Die Streetworkerinnen des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach hören auch schon mal die Frage: „Wie lange dauert es, bis ich sterbe.“ Der Bedarf, sich über das Coronavirus und die Folgen zu informieren, ist hoch. Der Trend unter den Klient*innen ist eindeutig: Sie möchten am Flughafen bleiben. Noch kommen in Frankfurt viele Rückkehrer an, die von ihren Urlaubszielen nach Deutschland zurückgeflogen werden. Und noch gibt es Schlangen vor den Sicherheitskontrollen, weil einige von Deutschland aus in ihre Heimatländer zurückkehren wollen. Doch jetzt schon ist klar – es gibt kaum noch Pfandflaschen, die Wohnungslose sammeln könnten, geschweige denn offene Restaurants oder Imbissketten, wo sie nach Essensresten fragen könnten.

Manche sind dankbar, dass wir noch da sind
Vor dem WESER5 Diakoniezentrum im Frankfurter Bahnhofsviertel gibt es morgens um 8.30 Uhr, wenn der Tagestreff aufmacht, einen Pulk Wartender. Tagsüber bilden sich bisher keine langen Schlangen, es ist es nur eine Handvoll Menschen, die auf Einlass warten, maximal dürfen sich 50 Gäste gleichzeitig im Tagestreff an der Gutleutstraße/Ecke Weserstraße aufhalten. „Am Montag hatten wir insgesamt 104 Besucher*innen“, sagt Jürgen Mühlfeld, der Leiter des WESER5 Diakoniezentrums. Unter dem Dach des Diakoniezentrums sind viele Hilfen für Wohnungslose gebündelt. Die Stimmung der Menschen, die den Tagestreff aufsuchen, „ist sehr gemischt. Manche bedanken sich, dass wir noch da sind, obwohl vieles andere geschlossen ist “, berichtet Jürgen Mühlfeld. Manche Gäste seien aber auch gestresst: „Es gibt viel Unwissen und falsche Einschätzungen.“ Die Besucher*innen seien aber inzwischen sehr bereit, Abstand voneinander zu halten.

Schlafpätze sind voll
„Unsere Mitarbeiter tragen Gesichtsmasken, auch das zeigt seine Wirkung.“ In der Winternotübernachtung im Tagestreff übernachten zurzeit 23 Wohnungslose. Der Mindestabstand wird eingehalten. Da die Möglichkeiten durch Flaschensammeln oder Betteln etwas Geld einzunehmen komplett weggebrochen sind, probierten Einige, die noch soziale Netzwerke in ihren Herkunftsländern haben, nach Hause zu kommen. „Wer dies nicht hat, bleibt hier“, sagt Mühlfeld. Die Notbetten, die rund ums Jahr für Menschen in akuter Not zur Verfügung stehen, sind belegt, der sonst übliche Wechsel nach zehn Tagen ist ausgesetzt. Auch im WESER5 Übergangswohnhaus, in dem wohnungslose Männer längere Zeit leben können, sind alle Plätze belegt, die Doppelzimmer sind aufgelöst, alle Zimmer werden nur noch mit einer Person belegt.

Gereizte Stimmung in der Warteschlange
An der Bahnhofsmission im Frankfurter Hauptbahnhof weisen rote Streifen vor den Türen den dort Schlange Stehenden ihre Positionen zu. Jeder, der hinein will, muss Abstand halten, Fieber messen lassen, die Hände desinfizieren. Die Stimmung unter den Wartenden sei zunehmend aufgeheizt, auch der Alkoholkonsum steige, beobachtet Diakon Carsten Baumann, der Leiter der Bahnhofsmission von Diakonie und Caritas. Nur noch 16 Personen dürfen gleichzeitig in die Räume, wer nur ein Getränk möchte, bekommt es durchs Fenster gereicht. Die Hilfsangebote laufen weiter, auch wenn rund die Hälfte der Ehrenamtlichen inzwischen zu ihrem eigenen Schutz zuhause bleibt. In der Bahnhofsmission mangelt es in diesen kalten Tagen an Kleidung für Bedürftige: „Wir brauchen Winterkleidung, Jacken, Hosen, Unterhosen, Strümpfe, Schuhe“, zählt Baumann auf. Sein neulich gestarteter Aufruf mit der Bitte um Desinfektionsmittel war erfolgreich: „Firmen, Privatpersonen und andere reagierten.“

Die Angst ist da
Viele Menschen haben sehr viel Angst“, sagt Mehri Farzan. Sie leitet „Lilith-Wohnen für Frauen“ und den Sozialdienst Wohnen und Betreuen des Diakonischen Werkes. Bei Lilith im Zentrum für Frauen beim Frankfurter Zoo leben wohnungslose Frauen für längere Zeit in Wohngruppen zusammen. „Hier fühlen sich die Frauen sicher, “ sagt Farzan. Anders ist dies bei wohnungslosen Frauen, die auf der Straße leben und, weil Personal fehlt, im Moment zwei Mal in der Woche in den Tagestreff17-Ost im Zentrum für Frauen kommen können, um zu duschen, Wäsche zu waschen, etwas zu kochen. Der PC-Raum bleibt in Zeiten von Corona geschlossen. Ab 1. April ist wieder genügend Personal da, geöffnet ist dann wieder dienstags bis freitags von 13 bis 17 Uhr.

Keine Hausbesuche mehr
Wie sehr sie sich sorgen, erfährt Mehri Farzan auch von Menschen, die der Sozialdienst Wohnen  und Betreuen im Alltag unterstützt. Ehemals Wohnungslose sind ebenso darunter wie Menschen mit psychischer Erkrankung. „Wir wurden angewiesen, keine Hausbesuche mehr zu machen“, sagt Farzan. Seitdem halten die Sozialarbeiter*innen telefonisch Kontakt mit Menschen, die oftmals isoliert leben und sehr viel Gesprächsbedarf haben. „Bei einem älteren Mann ging gerade  die Waschmaschine kaputt, es war ein Drama für ihn, er kann ja nicht in einen Waschsalon gehen“, sagt Farzan. Übers Wochenende trieb sie kurzerhand eine Waschmaschine auf: „Es ist eine Zeit, in der man handeln  muss.“

Es fehlen Ehrenamtliche und ausreichend Mundschutz
Im Sozialdienst Wohnungslosennotfallhilfe an der Gerberstraße 15 in Offenbach hofft unterdessen Thomas Quiring, der die Einrichtung leitet,  dass genügend Mitarbeiter*innen an Bord sind, wenn die nächste Auszahlung des Tagessatzes für Wohnungslose  ansteht.  Sobald genügend Ehrenamtliche gefunden sind und ausreichend Mundschutz für die Mitarbeiter*innen vorhanden ist, wird auch die Teestube wieder geöffnet.

Zu den Einrichtungen

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Zentrum Frauen

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