Auf dem Podium der zweiten gemeinsamen Armutskonferenz von Offenbach und Frankfurt diskutierten Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Praxis über Wege aus der Kinder- und Jugendarmut. Foto: Claudine Kuschel Zweite gemeinsame Armutskonferenz von Offenbach und Frankfurt diskutiert über Kinder- und Jugendarmut – Jugendliche fordern mehr Mitsprache und konkrete Unterstützung
„Damit aus armen Kindern keine armen Erwachsenen werden.“ Dieser Satz bringt für Diakoniepfarrer Markus Eisele eine der zentralen Aufgaben auf den Punkt, über die bei der Armutskonferenz in Offenbach gesprochen wurde. Denn Kinderarmut bedeutet weit mehr, als dass in einer Familie das Geld knapp ist. Sie entscheidet mit darüber, welche Bildungschancen ein Kind hat, ob es dazugehören und am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann – und welche Möglichkeiten ihm später offenstehen.

Im Capitol Offenbach fand am 24. August die zweite gemeinsame Armutskonferenz von Offenbach und Frankfurt unter dem Titel „Jung. Arm. Übersehen!?“ statt. Foto: Claudine Kuschel
Rund 200 Menschen aus Sozial- und Bildungswesen, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Wohlfahrt haben am Montag (24. August) bei der zweiten gemeinsamen Armutskonferenz von Frankfurt und Offenbach unter dem Titel „Jung. Arm. Übersehen!?“ darüber diskutiert, wie das geändert werden kann.
„Armut beeinflusst Bildung, Chancen, Teilhabe und die Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten“, sagte Miriam Walter, Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main. Gerade deshalb sei es wichtig, den Blick bewusst auf Kinder und Jugendliche zu richten. In den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe würden die Folgen von Armut täglich sichtbar. Armut könne dabei ganze Familien über Generationen hinweg belasten.

Anja Frank-Ruschitzka, Geschäftsführerin des Fachbereichs Diakonie und Bildung beim Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach, betonte die Bedeutung von Austausch und Vernetzung im Kampf gegen Armut. Foto: Claudine Kuschel
Auch Anja Frank-Ruschitzka, Geschäftsführerin des Fachbereichs Diakonie und Bildung beim Evangelischen Regionalverband Frankfurt und Offenbach, betonte den großen Bedarf an Austausch. Eine Fachkonferenz könne strukturelle Armut nicht lösen, aber Inspiration, Unterstützung und Vernetzung ermöglichen.
Armut ist nicht immer sichtbar
Offenbachs Sozialdezernent Martin Wilhelm sagte, Armut bedeute für Kinder nicht allein, dass in der Familie weniger Geld zur Verfügung stehe. Eine der größten Herausforderungen sei, dass Kinderarmut häufig nicht sichtbar sei. „Teilhabe darf nicht am Geldbeutel der Eltern scheitern“, betonte Wilhelm.
In Offenbach wächst derzeit knapp jedes fünfte Kind in Armut auf. Vor zehn Jahren sei es noch etwa jedes dritte Kind gewesen. Man sei auf einem guten Weg, aber noch nicht am Ende. Ein wichtiger Punkt dabei sei es, Familien dort zu erreichen, wo sie leben: im Quartier, in der Kita oder in der Schule. „Wir dürfen nicht warten, bis sie zu uns kommen“, erläuterte Wilhelm.

Dr. Nora Jehles von der TU Dortmund eröffnete die Fachkonferenz mit einer Keynote zu kommunalen Handlungsmöglichkeiten für mehr Chancengerechtigkeit. Foto: Claudine Kuschel
In ihrem Vortrag „(K)eine Chance von Anfang an?!“ stellte Dr. Nora Jehles von der TU Dortmund aktuelle Erkenntnisse zu Kinderarmut und kommunalen Handlungsmöglichkeiten vor. Anschließend präsentierten Offenbach und Frankfurt ihre Strategien gegen Kinderarmut. Offenbach setzt unter anderem auf den kommunalen Aktionsplan gegen Kinderarmut, Präventionsketten und die Zusammenarbeit verschiedener Akteure. Auch die Jugendhilfe an Schulen gehört dazu.
„Wir haben das Recht, nicht in Armut leben zu müssen“
Besonders deutlich wurde die Perspektive junger Menschen auf dem Podium. Aysin und Lucas aus dem Kinder- und Jugendparlament Offenbach berichteten, dass sich Armut unmittelbar auf Zugehörigkeit und Teilhabe auswirke. Etwa bei Kleidung, Freizeitaktivitäten oder Einladungen von Freunden.

Lucas und Aysin vom Offenbacher Kinder- und Jugendparlament brachten bei der Armutskonferenz die Perspektive junger Menschen ein und forderten mehr Mitsprache bei Entscheidungen, die ihren Alltag betreffen. Foto: Claudine Kuschel
Sie forderten mehr Mitspracherecht. Erwachsene sollten junge Menschen stärker fragen, was sie tatsächlich brauchen, statt Angebote über ihre Köpfe hinweg zu planen. Konkret ging es etwa um Nachhilfe, ÖPNV und Schulmaterialien. Auch Hobbys seien für armutsbetroffene Kinder häufig nicht erreichbar, wenn Beiträge, Sportkleidung oder Materialien zu teuer sind.
Zudem betonte die Offenbacher Stadträtin Helena Wolf, Kinder und Jugendliche seien nicht nur die Zukunft, sondern die Gegenwart. Zugleich stoßen kommunale Handlungsmöglichkeiten an finanzielle Grenzen: Viele Präventionsangebote gelten als freiwillige kommunale Leistungen. Wolf forderte deshalb bessere Rahmenbedingungen von Bund und Ländern.
Unterstützung muss bei den Menschen ankommen
In der Diskussion wurde deutlich: Nicht Familien sollten sich an komplizierte Unterstützungssysteme anpassen müssen, sondern die Systeme stärker an den Lebenslagen der Familien. Niedrigschwellige Zugänge, verständliche Informationen und die Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche seien dafür entscheidend.
Für Markus Eisele, Diakoniepfarrer und Verbandsleiter des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach, ist Armutsbekämpfung dabei nicht nur eine Frage sozialer Gerechtigkeit. Es gehe um Kinderrechte, Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit – aber auch um die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Familienbildung, Erziehungsberatung, Quartiersarbeit oder Kinder- und Familienzentren seien deshalb mehr als individuelle Hilfen.

Diakoniepfarrer Markus Eisele, Verbandsleiter des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach, betonte die Bedeutung von Prävention, Bildung und Teilhabe für eine wirksame Bekämpfung von Kinderarmut. Foto: Claudine Kuschel
Eine Armutskonferenz könne dafür Impulse geben. Entscheidend sei aber, was danach geschehe. „Man sollte aus dieser Armutskonferenz nicht rausgehen und sagen, das waren gute Gedanken“, sagte Eisele in der Abschlussrunde. Jeder und jede müsse sich fragen, was die Erkenntnisse konkret für den eigenen Verantwortungsbereich bedeuten. Denn: „Wir dürfen uns nicht mit Kinderarmut abfinden!“
Die Botschaft der jungen Menschen war dabei unmissverständlich: „Wir haben das Recht, nicht in Armut leben zu müssen.“
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen