image Familie F. auf der Reise durch Europa in den 1930er Jahren. Foto: Privat

„… von Gauklern, Händlern und Artisten…“

Ausstellung zur Geschichte der Verfolgung und Ausgrenzung der Wohngemeinschaft Bonameser Straße in der St.Katharinenkirche.
Erstmals rückt eine Ausstellung in Frankfurt am Main die Verfolgung und Ausgrenzung von sogenannten „Asozialen“ und Berufsverbrechern“ während der Zeit des Nationalsozialismus in den Blick. Bis heute kämpfen die mit dem schwarzen und grünen Winkel im Konzentrationslager gekennzeichneten Männer und Frauen um ihre Anerkennung als Opfer nationalsozialistischen Unrechts.

Verbotsschild, vermutlich 1920er-Jahre

Verbotsschild, vermutlich 1920er-Jahre

Ausgrenzung auch nach dem Krieg
Auch die Geschichte der Bewohner:innen der Wohngemeinschaft Bonameser Straße in Eschersheim ist eng damit verknüpft. Die erweiterte Ausstellung „… von Gauklern, Händlern und Artisten – Die Wohngemeinschaft Bonameser Straße: Geschichte der Verfolgung und Ausgrenzung“ in der St.Katharinenkirche an der Hauptwache benennt ihr während der NS-Zeit erlittenes Unrecht und zeigt erstmals, wie die Ausgrenzung in Frankfurt in der Nachkriegszeit, vor allem in Person des CDU-Sozialdezernenten Rudolf Prestel, weiterging. Die Ausstellung ist vom Dienstag, 24. Mai 2022 bis zum Donnerstag, 9.Juni, montags bis samstags von 12 – 18 Uhr, in der St.Katharinenkirche, An der Hauptwache 1, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

Magistrat bekennt sich zur historischen Verantwortung der Stadt Frankfurt am Main
Kuratiert wurde die Ausstellung von Dr. Sonja Keil, die seit Anfang 2012 im Auftrag des Diakonischen Werkes für Frankfurt und Offenbach für die Gemeinwesenarbeit in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße zuständig ist. Die Schau wird von der Stadt Frankfurt am Main unterstützt und finanziell gefördert. Mitte April 2022 hat sich der Magistrat ausdrücklich zur politischen, sozialen und historischen Verantwortung der Stadt Frankfurt am Main bekannt und einen Runden Tisch mit der Wohngemeinschaft Bonameser Straße angekündigt.

Die „Ahnentafel“ hing ab 1933 in allen Schulen. Die dort abgebildeten Zuschreibungen prägten sich ein. Bis heute sind diese Stereotype in der Gesellschaft zu finden, deren Grundlagen im 19. Jahrhundert aus unwissenschaftlichen Kriterien entwickelt worden waren. „Ahnentafel eines Asozialen“, nach: Robert Ritter: Ein Menschenschlag, Leipzig 1937

Die „Ahnentafel“ hing ab 1933 in allen Schulen. Die dort abgebildeten Zuschreibungen prägten sich ein. Bis heute sind diese Stereotype in der Gesellschaft zu finden, deren Grundlagen im 19. Jahrhundert aus unwissenschaftlichen Kriterien entwickelt worden waren. „Ahnentafel eines Asozialen“, nach: Robert Ritter: Ein Menschenschlag, Leipzig 1937

In Konzentrationslager verschleppt und zwangssterilisiert
14 Roll-ups berichten in der St.Katharinenkirche von der Lebenswelt und Lebenswirklichkeit der Reisenden, Schausteller:innen und Artist:innen in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße und reflektieren ihre Geschichte. Sie steht im deutschlandweiten Kontext: Allein im Juni 1938 wurden Schätzungen zufolge12.000 als „asozial“ und „arbeitsscheu“ verfolgte Personen unrechtmäßig in Konzentrationslager verschleppt und teilweise zwangssterilisiert. Erst 2020 verabschiedete der Deutsche Bundestag einen Antrag an die Bundesregierung, diese Verfolgten ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und im staatlichen Erinnern zu verankern.

Verspätete Anerkennung durch den Bundestag
Professor Frank Nonnenmacher, einer der vier Sachverständigen, die während der öffentlichen Anhörung des Bundestages zur Anerkennung der verfolgten sogenannten „Asozialen“ und „Berufsverbrecher“ angehört wurden, spricht zur Finissage am Donnerstag, 9. Juni 2022, um 18 Uhr. Sein Vortrag und die anschließende Diskussion erfolgen in Kooperation mit dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Der Vortrag widmet sich dem Thema: „Die KZ-Häftlinge, die den grünen und den schwarzen Winkel tragen mussten. Ein Fallbeispiel und die Geschichte der verspäteten Anerkennung durch den Bundestag“. Die Moderation übernimmt Till Lieberz-Gross von „Gegen das Vergessen – Für Demokratie“. Der Eintritt zur Finissage ist frei, eine verbindliche Anmeldung unter anmeldung@diakonie-frankfurt-offenbach.de ist erforderlich.

Lesen Sie auch das Interview von Antje Schrupp mit der Kuratorin der Ausstellung Dr. Sonja Keil, die seit Anfang 2012 für die Gemeinwesenarbeit in der Wohngemeinschaft Bonameser Straße zuständig ist in: „Evangelisches Frankfurt und Offenbach“.  https://www.efo-magazin.de/magazin/frankfurt-lokal/ausgrenzung/

Lesen auch den Artikel zur Ausstellungs Eröffnung hier.

Lesen Sie auch die Kommentare im Gästebuch zur Ausstellung hier.

Weitere Information zur Wohngemeinschaft Bonameser Straße finden Sie hier.