image Foto: Lilly Singer

Diakoniepfarrer Markus Eisele gehörte zu den Juroren, die über die Entwürfe entschieden.

Great Good Place: Wenn Kirche zum Wohnzimmer einer Stadt wird

Pflanzkübel und Hochbeete, Vorhänge für Geborgenheit, Raum für Hip-Hop und Begegnung: Was auf den ersten Blick ungewöhnlich klingt, sind Visionen junger Innenarchitektur-Studierender der Hochschule Darmstadt für die Weißfrauen Diakoniekirche mitten im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Die Weißfrauen Diakoniekirche liegt zwischen Bankenhochhäusern und sozialem Brennpunkt mitten im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seit mehr als 20 Jahren wird sie vor allem als sozialer und kultureller Veranstaltungsort genutzt, nachdem sie als Gemeindekirche nicht mehr benötigt wurde. So dient sie als Ort für Gottesdienste, Konzerte, Kinoveranstaltungen und Ausstellungen. Noch bis Ende März findet zurzeit die Winternotübernachtung im Kirchraum statt. Rund 50 obdachlose und wohnungslose Menschen können in der Zeit von Oktober bis März in der Diakoniekirche einen Schlafplatz bekommen. Im Rahmen des World Design Capital 2026 soll dann hier ein offener Begegnungsort entstehen. „Wir wissen um unsere Verantwortung als Diakonie, als Evangelischer Regionalverband, diese ganz besondere Kirche als ‚Wohnzimmer fürs Bahnhofsviertel‘ zu erhalten und noch deutlich mehr zu öffnen“, sagte der Theologische Geschäftsführer des Evangelischen Regionalverbands Frankfurt und Offenbach, Diakoniepfarrer Markus Eisele.

Jury würdigt innovative Konzepte
Dafür haben die Studierenden unter dem Titel „Great Good Place – Ein guter Platz für alle“ 14 teils mutige Entwürfe für den Kircheninnenraum entwickelt. Ihre Ideen reichen von modularen Schlafkapseln über kreative Werkstätten, einer Marktplatz-Simulation und sinnlichen Erfahrungsräumen und -Pfaden bis hin zu einem grünen Stadtgarten im Kircheninneren. Eines haben sie alle gemein: Einen Platz im Trubel der Großstadt schaffen, an dem Menschen zusammenkommen und sich wohlfühlen können. Die Entwürfe wurden am Mittwoch (11. Februar) in der Evangelischen Akademie Frankfurt präsentiert und von einer Jury bewertet. Vier eingereichte Arbeiten durften sich am Ende über einen Preis freuen.

Die Jury würdigte gleich zwei Konzepte für ihre visionäre und in die Zukunft weisende Arbeit und zeichnete sie mit einem Preis für Inspiration aus. Beim Entwurf „gemeinsam daheim Abhängen neu gedacht“ von Lilly Brodkorb und Corinna Grünewald verwandeln tropfenförmige, höhenverstellbare Raumkapseln Entwurf den Kirchenraum in eine dreidimensionale Landschaft. Die Jury überzeugte besonders die flexible Bespielbarkeit des Sakralraums: Gottesdienst, Workshop, Schlafplatz oder Treffpunkt. Technisch durchdacht, mit einfachen Materialien wie Fiberglas und Netzen umgesetzt, entstehe ein inspirierender Beitrag zur neuen Kirchenraumerfahrung und Bespielung der Diakoniekirche.

Rückzugsort für Frauen und Kinder
Mit mobilen Pflanzenkübeln und einer begrünten Altarwand wollen Lukas Rauch und Paul David in ihrem Entwurf mehr Natur ins graue Bahnhofsviertel und ins Innere der Kirche holen. Damit hätten sie eine neue Perspektive auf die Aufenthaltsqualität eines solch großen Kirchenraums erarbeitet, erklärte die Jury. Besonders beeindruckt war sie von der Möglichkeit, die mobilen Gestaltungselemente auch auf den Außenraum ausdehnen zu können.

Einen Themenpreis für eine besonders wichtige inhaltliche Arbeit erhielt Vivien Schmidt für ihr Konzept „SHElter – Ein Ort der Auszeit für Frauen und Kinder“. Ihr Entwurf sieht verschiedene Bereiche für Hygiene, Ruhezonen oder Spielmöglichkeiten für diese besonders vulnerable Gruppe vor.

Luisa Michel und Felicia von Bamberg durften sich letztlich über den Preis für Konkretion und die Empfehlung zur teilweisen Umsetzung ihres Konzepts „Mosaik – auch du bist ein Teil“ freuen. Dieses übersetzt die Rautenstruktur der Kirchendecke in eine leichte Seilkonstruktion. Daran befestigte Vorhänge schaffen flexible Zonen im Raum. Zudem beeinflussen sie die Lichtstimmung und erzeugen eine besondere Aufenthaltsqualität und Atmosphäre für verschiedene Bedarfe. Mit wenigen Handgriffen entstehen Schutzräume, Kommunikationsorte oder offene Flächen. Die Jury war der Auffassung: Die Konstruktion ist bis ins Detail durchdacht und realistisch umsetzbar.

Alle 14 Arbeiten zeigen eindrucksvoll: Kirche kann mehr sein als Ort der Andacht. Sie kann Schutzraum, Marktplatz, Ausstellungsraum, Wohnzimmer und Garten zugleich werden. Die Studierenden haben Perspektiven eröffnet, wie ein Kirchenraum im 21. Jahrhundert auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren kann.