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Gemeinsam statt einsam – Wie wollen wir im Alter leben?

Ein Sprichwort besagt: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht.“ Doch auch Menschen wollen ihren vertrauten Lebensraum nicht ohne Weiteres und auf die Schnelle verlassen. Insbesondere im Alter gestaltet sich der Übergang vom eigenständigen Leben hin zu einem anderen Modell oft schwierig.

Viele der rund 80 Teilnehmenden des Fachtags „Alter gemeinsam denken“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt kennen diese Probleme aus ihrer Arbeit oder dem eigenen Leben. Haupt- und Ehrenamtliche, Fachleute aus der Kommune und der Kirche, ältere Menschen, Engagierte und Interessierte diskutierten und tauschten sich über genau diese Fragen und das gesamte Themenfeld am Donnerstag (26. Februar) aus.

Fachtag widmet sich drängenden Fragen

Zwei von ihnen: Ursula und Sigrid. Sie sind 73 Jahre alt, Freundinnen, und beide beschäftigt schon seit einigen Jahren die Frage: Wie will ich im Alter eigentlich wohnen? Beide sehen einige Hürden bei dem Themenkomplex. Eine Schwierigkeit sei, dass es zu wenige geeignete Wohnobjekte gibt. Zudem „wird es sehr schnell sehr teuer“, denn bezahlbaren Wohnraum gebe es einfach ebenfalls zu wenig. Wer dann noch über bestimmten Förder- und Zuschussobergrenzen bei der Rente liegt, habe „sowieso schlechte Karten, etwas zu finden.“

Als ein weiteres großes Thema kristallisierte sich die „Gemeinschaft“ im Alter heraus. Auf Karteikarten, die die Teilnehmenden mit Wünschen für das Wohnen im Alter zu Beginn der Veranstaltung beschrifteten, fanden sich oft diese Worte: „Gemeinsam“, „Gemeinschaft“ und „Keine Einsamkeit“. Auch Bärbel, die ebenfalls aus privatem Interesse am Fachtag teilnahm, antwortete auf die Frage, was für sie gutes Wohnen im Alter bedeute, zuallererst mit: „Keine Einsamkeit“.

Mehr Punk im Altersheim

Diesen Gefahren und wachsenden Problemen sehen sich einige Organisationen gegenüber. Karin Nell von der Wohnschule Düsseldorf stellte auf dem Podium das eigene Engagement in den Fokus. Sie sagte einen Satz, der neben Gelächter auch Zustimmung erntete: „Wir müssen wieder den Punk ins Altenheim bringen.“ Ältere Menschen, so ihr Appell, müssten ihre Wünsche selbst formulieren und dafür arbeiten. Auch Pflegekräfte, sagt sie, sollten gern mit alten Menschen arbeiten. Und dafür müssten alternde Menschen eben auch selbst etwas tun.

Hüseyn Kurt vom Frankfurter Verband wünschte sich zudem eine bessere Durchmischung bei Altersangeboten in der Stadt Frankfurt. Auch etwa die muslimische Bevölkerung tausche sich über dieses Thema aus – allerdings fehlten oft die Angebote. „Wir befinden uns mit der interkulturellen Öffnung der bestehenden Angebote noch sehr am Anfang“, sagte er.

Bereits in seinem Grußwort unterstrich Diakoniepfarrer Markus Eisele mit Blick auf die verschiedenen Hürden bei dem Thema, dass die Evangelische Kirche und die Diakonie in Frankfurt und Offenbach sich künftig noch intensiver im Arbeitsfeld „Leben im Alter“ engagieren wolle. Gutes Wohnen im Alter heiße nicht Rückzug, sondern Sichtbarkeit und Teilhabe. Eisele betonte: „Unser Engagement füreinander hängt gerade auch davon ab, dass wir uns begegnen. Das sich die unterschiedlichen Wege kreuzen und wir uns auch sehen. Dann gibt es Orte mitten im Leben für das Leben.

 

Workshops über verschiedene Wohnmodelle

Den letzten Programmpunkt bildeten vier Workshops, in denen zentrale Themen vertieft wurden: altersgerechte Quartiersgestaltung, gemeinschaftliches Wohnen, Vorbereitung auf das Wohnen im Alter sowie ein filmischer Zugang zu unterschiedlichen Wohn- und Lebensformen im Älterwerden. Dabei ging es unter anderem um Wohnmodelle zwischen klassischer Mietwohnung und Pflegeheim wie etwa Mehrgenerationenhäuser und Nachbarschaftsnetzwerke.

Karin Nell berichtete in ihrem Workshop, der sich auf die Vorbereitung fokussierte, dass sich kaum jemand mit der Situation auseinandersetze, dass das Wunschszenario nicht funktioniere. Alle wünschten sich zuhause alt zu werden und zu sterben, möglichst selbstbestimmt und vertraut. Doch falls das aus verschiedensten Gründen nicht ginge, solle man sich bereits früh „aktiv um einen Plan B kümmern“. Wir alle wünschten uns Plan A, aber es sei besser, man hat Dinge für Plan B selbst entschieden, als dass Plan B über einen selbst hinweg entschieden werde.

Vielleicht wird ein alter Baum tatsächlich nicht gern verpflanzt. Aber er kann seine Umgebung verändern. Er kann sich mit anderen Bäumen vernetzen, Windschutz organisieren, neue Triebe wagen. Der Fachtag in der Evangelischen Akademie hat dafür neue Perspektiven geschenkt.