image Beim Barcamp wurde unter anderem über das Bahnhofsviertel als "Eintrittskarte" für Frankfurt diskutiert. Foto: Lukas Fortkord

Frankfurter Bahnhofsviertel: Mehr als schlechte Nachrichten

Beim zweiten Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche ging es um die Frage, wie das Viertel anders wahrgenommen werden kann – und um konkrete Ideen gegen Einsamkeit und für mehr Miteinander.

Das Bahnhofsviertel hat viele Gesichter. Viele sehen in ihm ein internationales, lebendiges Viertel, Gastronomie, Kultur, Veranstaltungen und eine Nachbarschaft, die sich engagiert. Andere sind abgeschreckt vom Schmutz, Drogen und Orten, die bedrückend wirken. Beim zweiten Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche am 19. August trafen diese unterschiedlichen Perspektiven aufeinander.

Rund ein Dutzend Menschen sind zu Beginn da – – einige bereits zum zweiten Mal, andere sind neu. Wieder gilt: Es gibt keine vorgegebene Tagesordnung. Die Themen kommen von den Teilnehmenden selbst.

Eine davon ist eine ältere Dame. Sie lebt seit mehr als 17 Jahren im Bahnhofsviertel und sie beschäftigt die Frage: Wie kann ein Stadtbild entstehen, das eine „Eintrittskarte in die Stadt“ ist? Das Viertel, sagt sie, sei in seinem derzeitigen Zustand der Stadt nicht würdig. Sie stört sich an Wildpinkeln, Alkoholkonsum und Menschen, die herumhängen.

Eine weitere Anwohnerin setzt einen anderen Akzent. Sie liebt es, im Bahnhofsviertel zu leben. „Es geht mir echt auf den Keks, dass viele Menschen dieses Viertel herabwürdigen und nur alles Negative betonen“, sagt sie.

Aus den beiden Perspektiven entsteht ein gemeinsames Thema: Wie lässt sich das Positive im Bahnhofsviertel sichtbarer machen, ohne die Probleme auszublenden?

Gegen die üblichen Schlagzeilen

Die Diskussion zeigt schnell, wie schwer sich das Viertel auf eine einzige Erzählung festlegen lässt. Menschen kommen für Veranstaltungen ins Bahnhofsviertel, wird berichtet. Gleichzeitig fehle es an positiver Resonanz – gerade in den sozialen Medien. Dort dominiere häufig die Empörung und schlechte Nachrichten.

Eine Idee ist deshalb eine Imagekampagne unter dem Titel „Wir im Bahnhofsviertel“. Doch wer soll damit eigentlich erreicht werden? Und wie sollte eine solche Kampagne aussehen? Eine Plakataktion wird ins Spiel gebracht. Zugleich entsteht die Frage, ob eine von der Stadt organisierte Imagekampagne überhaupt der richtige Weg sein kann.

Denn die schwierigen Seiten verschwinden durch eine Imagekampagne nicht. Im Gegenteil: Die Diskussion über hilfsbedürftige, auf der Straße lebende Menschen führt mitten hinein in die Frage, wie eine Stadt mit eben diesen umgeht. Gleichzeitig wird daran erinnert, dass auch Partygänger oder Fußballfans große Mengen Müll hinterlassen können.

Die Diskussion ist kontrovers – und gerade deshalb wichtig. Denn hinter der Frage nach dem Image steht eine viel grundlegendere: Wie wollen die Menschen im Bahnhofsviertel miteinander leben?

Ein Viertel voller Netzwerke

Eine konkrete Stärke des Bahnhofsviertels wird an diesem Abend ebenfalls sichtbar: Es gibt bereits zahlreiche Menschen, Gruppen und Initiativen, die sich kümmern und miteinander im Gespräch sind.

Eine andere Teilnehmerrunde tauscht sich über bestehende Arbeitskreise und Formate aus. Was zunächst wie eine Diskussion über das Viertel beginnt, wird so auch zu einer kleinen Vernetzungsrunde.

Was tun gegen Einsamkeit?

Im weiteren Verlauf des Barcamps wird der Gedanke der „Caring Communities“, oder „Sorgende Gemeinschaften“ weitergeführt. Dabei geht es konkret um ältere Menschen und die Frage, wie Einsamkeit und Verwahrlosung verhindert werden können.

Das Problem beginnt dabei oft lange bevor jemand vollkommen vereinsamt. Eine Pfarrerin berichtet, wie schwierig es sein kann, ältere Menschen überhaupt zu erreichen. Manche öffnen ihre Tür nicht, weil Vertrauen fehlt. Wie kommt man also an Menschen heran, bevor sie vollständig aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden?

Dabei wird auch über ein anderes Problem gesprochen: Seelsorge sei vielen Menschen kaum noch bekannt. Dadurch würden sich Menschen mit Anliegen an Polizei oder Feuerwehr wenden, die eigentlich nicht in deren Aufgabenbereich gehören.

Die Diskussion führt zu ganz praktischen Ideen: Informationen über Hilfsangebote könnten beispielsweise bei Hausärztinnen und Hausärzten ausliegen. Ärzte könnten stärker über Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und gegen Einsamkeit informieren. Auch Schulen oder Hochschulen könnten einbezogen werden.

Am Ende steht eine Frage, die vielleicht über viele der diskutierten Themen hinausweist: Wie schaffen wir Angebote, bei denen Menschen sich nicht nur helfen lassen, sondern sich selbst einbringen können und wollen?

Damit schließt sich der Kreis der beiden Barcamp-Abende. Es ging nicht darum, für das Bahnhofsviertel einen fertigen Zukunftsplan zu entwerfen. Sondern Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammenzubringen, Fragen sichtbar zu machen und aus Gesprächen neue Ideen entstehen zu lassen.

Das Bahnhofsviertel hat viele Gesichter. An den beiden Abenden in der Weißfrauen Diakoniekirche sind einige davon sichtbar geworden: die engagierte Anwohnerin, der Mensch, der sich über den Zustand des Viertels ärgert, die Sozialarbeiterin, die mehr Vernetzung fordert, die Pfarrerin, die sich fragt, wie einsame Menschen überhaupt erreicht werden können – und viele andere.

 

Hier lesen Sie den Bericht zum ersten Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche.