image Beim Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche wurde viel über die Zukunft des Bahnhofsviertels diskutiert. Foto: Lukas Fortkord

Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche: Das Bahnhofsviertel hat viele Stimmen

Wie wollen Menschen künftig im Frankfurter Bahnhofsviertel zusammenleben? Bei einem Barcamp in der Weißfrauen Diakoniekirche ging es um fehlende Begegnungsorte, Kultur und Sport, Drogen und soziale Not – und immer wieder um die Frage: Wem gehört eigentlich der Raum im Viertel?

Ein lauer Sommerabend im Frankfurter Bahnhofsviertel. Durch die bunten Fenster der Weißfrauen Diakoniekirche fällt Licht in den Kirchenraum, Musik läuft. Nach und nach kommen die Gäste. Sie wohnen oder arbeiten im Viertel, engagieren sich dort oder interessieren sich dafür, wie es mit diesem besonderen Stück Frankfurt weitergeht. „Das Bahnhofsviertel hat viele Stimmen“ lautet der Titel des Abends. Diakoniepfarrer Markus Eisele beschreibt zur Begrüßung einen Ort, an dem sich viele Fragen der Stadt auf engem Raum verdichten: Armut und Wohlstand, Heimat und Heimatlosigkeit, Verletzlichkeit und Würde, Einsamkeit und Begegnung. Das Viertel, ergänzt Eisele, lasse sich nicht auf eine einzige Erzählung reduzieren.

An diesem Abend sollen deshalb möglichst viele dieser unterschiedlichen Erzählungen und Erfahrungen ihren Platz bekommen.

Wo begegnet sich die Nachbarschaft?

Eine klassische Tagesordnung gibt es nicht. Beim Barcamp bestimmen die Teilnehmenden selbst die Themen. Das Prinzip: „Wer kommt, ist richtig. Was entsteht, ist wichtig.“

Angela Freiberg ist unter den Teilnehmer:innen. Sie lebt seit rund 20 Jahren im Stadtteil und arbeitet im Koordinierungsbüro Bahnhofsviertel. Sie bringt eine Frage mit: Was würde es für Anwohnerinnen und Anwohner attraktiver machen, andere Menschen aus dem Viertel kennenzulernen?

Denn die Bewohnerinnen und Bewohner sind im Bahnhofsviertel zahlenmäßig eine Minderheit gegenüber all jenen, die hier täglich arbeiten, reisen oder feiern. Selbst wer lange hier lebt, kennt deshalb längst nicht unbedingt viele andere Menschen aus der Nachbarschaft.

In der Diskussion entstehen Ideen für niedrigschwellige Begegnungen: ein Stammtisch, Yoga oder andere Sportangebote. Zugleich geht es um Menschen, die körperlich eingeschränkt oder von Vereinsamung bedroht sind. Die Kneipe um die Ecke als klassischer Treffpunkt verschwinde zunehmend, stellt ein Teilnehmer fest. Braucht das Bahnhofsviertel also eine Art Dorfgemeinschaftshaus?

Wer hat Raum – und wer hat keinen?

Damit ist eine zentrale Frage des Abends formuliert: Wer hat Raum und wer hat keinen? Öffentlicher Raum ist im dicht bebauten Viertel knapp. Gleichzeitig nehmen Verkehr und parkende Autos viel davon ein. Könnten Flächen anders genutzt, Straßen begrünt oder Orte geschaffen werden, an denen Menschen sich begegnen können?

Auch die Weißfrauen Diakoniekirche selbst kommt ins Gespräch. Einige Teilnehmende können sie sich als kulturellen „Community Space“ vorstellen – etwa mit mehr Raum für das Kulturschaffen unterschiedlicher Communities.

Soziale Not ist kein Problem eines einzigen Viertels

An einem anderen Tisch geht es um die Drogenszene. Die Teilnehmenden sprechen über Menschen in psychischen und körperlichen Ausnahmesituationen und über die Sorge, dass weniger Geld für soziale Projekte zur Verfügung steht.

Mehrere widersprechen dabei der Vorstellung, die Situation sei allein ein Problem des Bahnhofsviertels. Was hier besonders sichtbar werde, sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Menschen mit Suchterkrankungen dürften in ihrer Not nicht sich selbst überlassen werden. Auch Prävention und Jugendarbeit müssten gestärkt werden.

Das Positive sichtbar machen

Neben all den Problemen entsteht an diesem Abend noch ein anderer Wunsch: das Positive im Bahnhofsviertel stärker sichtbar zu machen. Am Ende steht kein fertiger Plan für die Zukunft des Bahnhofsviertels. Aber vielleicht eine Erkenntnis: Die Zukunft des Viertels entscheidet sich nicht allein daran, wie Straßen umgebaut, Immobilien entwickelt oder Probleme verwaltet werden. Sondern auch daran, ob es Orte gibt, an denen seine vielen unterschiedlichen Menschen einander begegnen können. An diesem Abend war die Weißfrauen Diakoniekirche genau so ein Ort.

Eine Veranstaltung von der Diakonie Frankfurt und Offenbach im Rahmen der WDC 2026. WDC 2026 wird gefördert durch das Land Hessen, die Stadt Frankfurt am Main und den Kulturfonds Frankfurt RheinMain.