image @Ulrich Mattner

Wenn man den Stein kennenlernen will, muss man in ihn hinein

Bildhauerin Birgit Cauer stellt neue Arbeiten in der Weißfrauen Diakoniekirche aus

 

Er glitzert im Scheinwerferlicht, wirkt wie von einer feinen feuchten Salzkruste überzogen. Auf einem Holzgestell liegt der Marmorblock vor den Stufen der Weißfrauen Diakoniekirche, Höhlen durchziehen sein Inneres. Was aussieht wie von Wasser und Wind über Jahrhunderte geformt, entstand innerhalb weniger Wochen unter den Händen der Berliner Bildhauerin Birgit Cauer. Wobei sie nicht Hammer und Meißel nutzte, sondern sehr viel filigraner auf das Zusammenwirken von Salzsäure und Stein setzte. „Wann hat der Stein so eine Chance, seine Strukturen zu zeigen“, sagt Birgit Cauer, und deutet auf eine schmale Schicht Glimmer, die silbrig aus einer der Windungen schimmert. „Mit Hammer und Meißel könnte man solche tiefen gewundenen Höhlen niemals freilegen.“ Also brachte Cauer 15 bis 20 Glasflaschen mit technischer Salzsäure über dem Marmorblock an, den Zufluss steuerte sie exakt über Transfusionsschläuche, den Veränderungsprozess hielt sie mit der Kamera und auf Zeichnungen fest.

Der 1100 Kilogramm schwere Stein leitet Besucher:innen der Ausstellung „PETRA-Morphologie der Steine“ zu weiteren Arbeiten im Inneren der Weißfrauen Diakoniekirche. Dort ist der Prozess noch nachvollziehbar, Flaschen mit türkiser, blauer und grüner Flüssigkeit schweben über verschiedenfarbigen Steinen, im Zusammenspiel mit den bunten Kirchenfenstern wirken sie auf den ersten Blick wie Leuchten aus dem Orient.

Kupfersulfat, Calciumchlorid, Nickelchlorid oder Alaun bahnen Cauer den Weg zu ihren „Entdeckungsreisen in das Innere des Steins.“ Dabei beschäftigt sie die Frage, ob es im Stein lebendige Anteile gibt. Kavernen, kleine Höhlungen, die Mikroben im Stein bergen, zeigt sie in einem Travertin, den sie konventionell mit dem Bohrer bearbeitete. Daneben steht eine stumpf wirkende Skulptur, die aussieht wie aus Wachs, das Werk von fünf Litern Salzsäure, mit der sie zwei Jahre lang den Stein beträufelte: „Die Kunst ist es, das Tropfen aus den Flaschen so einzustellen, dass es ganz langsam passiert.“

Vor drei Jahren begann die in Frankfurt aufgewachsene Bildhauerin, mit Säuren und Steinen zu experimentieren. „Dabei kann etwas kristallisieren, also wachsen und sich ablagern oder korrodieren, also sich auflösen.“ Mit „kindlicher Freude und Staunen“ untersucht Cauer, wie das Leben in den Tiefen der Ozeane aus Sedimentschichten entstanden sein könnte.

Wer diesen faszinierenden Prozess beobachten möchte, ist herzlich eingeladen, die von der SV SparkassenVersicherung geförderte Ausstellung in der Weißfrauen Diakoniekirche zu besuchen. Der Eintritt ist kostenfrei, eine medizinische Maske reicht zum Besuch aus: Öffnungszeiten bis zum Donnerstag,14. April: dienstags bis samstags jeweils zwischen 12 und 16 Uhr in der Weißfrauen Diakoniekirche Weserstraße/Ecke Gutleutstraße.

Der Abschlussrundgang mit Birgit Cauer und Kurator Thomas Kober ist für Mittwoch, 13. April 2022, um 18 Uhr geplant.